Bericht

Ein aufregender Planet Action Einsatz liegt hinter uns. Wir, das sind Dr. Oxana Hilfer, Dr. Katja Pfeiffer, Leonie Fibbe, Marie-Luise Steinborn und Miriam Markfort, sind frisch zurück von der viert größten Insel der Welt – Madagaskar!

Auf unterschiedlichen Wegen war unser Team aus Zahnärztinnen und Studentinnen auf den „Planet Action - Helfende Hände e.V.“ aufmerksam geworden. Wir stammen aus den verschiedensten Ecken Deutschlands, doch uns eint der Wunsch mit unseren zahnmedizinischen Fähigkeiten etwas für weniger privilegierte Menschen zu tun. Es ist eben nicht in jedem Land selbstverständlich, zum Zahnarzt gehen zu können, wenn man etwa von Schmerzen geplagt wird.

Recht kurzfristig hatte sich unser Team vervollständigt und im Eiltempo wurden die letzten Einsatzvorbereitungen getroffen. Zum Glück bekamen wir noch tolle Unterstützung in Form von Sach- und Geldspenden. Vor Ort konnten wir auf Kontakte des Vereins zurückgreifen, die Flüge waren schnell gebucht und die letzten Impfungen geschwind verabreicht. So richtig vorbereiten auf das, was uns in dem Entwicklungsland erwarten sollte, konnten wir uns ohnehin nicht von Deutschland aus. Also – auf nach Madagaskar!

Erwartungsvoll bestiegen wir am 31.10. das Flugzeug in Richtung Afrika. Unser Team sollte zunächst aus der Zahnärztin Dr. Oxana Hilfer, den frisch approbierten Zahnärztinnen Miriam Markfort und Marie-Luise Steinborn und der Studentin Leonie Fibbe bestehen. Für Marie und Miriam endete die Reise allerdings vorerst schon in Amsterdam, da der Anschlussflug verpasst wurde. Wir waren also heilfroh, als wir uns am 02. November dann endlich alle in Madagaskars Hauptstadt Antananarivo zusammenfinden konnten. Herzlich empfangen wurden wir außerdem von Luciano Leung-Yen, einem alten Bekannten des Planet Action - Helfende Hände e.V., der uns bei der Koordination unseres Einsatzes tatkräftig unterstützte.

Unser erster Einsatzort führte uns am nächsten Tag nach Faratsiho, einer 30.000 Einwohnerstadt 180 km von der trubeligen Hauptstadt entfernt. In dem ruhigen Städtchen, dessen Einwohner hauptsächlich das umliegende ländliche Areal bewohnen und bewirtschaften, fielen wir auf wie bunte Hunde. Die wenigen Touristen, die Madagaskar besuchen, landen eher selten in Faratsiho. Trotzdem wurden wir überall lächelnd mit einem „Bonjour“ oder „Salama Vazaha“ („Hallo Fremde“) begrüßt. Wir stellten uns beim Bürgermeister vor und bezogen die Stadthalle, um dort am nächsten Tag mit unserer Arbeit zu beginnen. Wie wussten vor unserem Einsatz nicht, dass es in Faratsiho sehr wohl eine Zahnärztin gibt. Wir wollten ihr nicht die Arbeit streitig machen und ihr somit die Lebensgrundlage entziehen, deshalb statteten wir ihrer Praxis einen Besuch ab, um uns ein Bild von der Situation zu machen. Die kleine und einfach eingerichtete Praxis enthielt eine Behandlungseinheit und alles, was ein Zahnarzt braucht, sogar ein Röntgengerät. Die Zahnärztin war unter anderem in Europa ausgebildet worden und empfing uns vorbehaltslos. An ihrer Tür hing eine Preisliste, die verkündete, dass eine Extraktion umgerechnet 2 € kosten sollte. Was für uns nach einem Schnäppchen klingt, ist für madagassische Verhältnisse viel Geld. Zum Vergleich, das madagassische Durchschnittsgehalt liegt zwischen 1 – 2 € am Tag. Die Zahnärztin war uns auch nicht, wie befürchtet böse, sondern sehr dankbar für unser Kommen. Sie sagte, dass sich leider die meisten Madagassen einen Zahnarztbesuch nicht leisten könnten, sie ihre Leistungen aber auch nicht billiger anbieten könne, da sie teure Materialien beschaffen müsse.

Bei der örtlichen Radiostation ließen wir also die Nachricht verbreiten, wir würden in den nächsten vier Tagen unentgeltlich zahnmedizinische Behandlungen anbieten. Am nächsten Morgen warteten um 7 Uhr dann auch gleich die ersten 20 Patienten vor der Halle. Alle Materialien und Instrumente für die Behandlungen hatten wir aus Deutschland mitgebracht. Da es in unserer behelfsmäßigen „Praxis“ nicht die aus Deutschland gewohnte Ausstattung und weder Licht noch fließendes Wasser gab, war unser Improvisationstalent gefragt. So wurden zum Beispiel benutzte Instrumente kurzerhand in einem Schnellkochtopf auf einem offenen Feuer in der Markthalle um die Ecke sterilisiert.

Die zahnmedizinische Versorgungslage der ärmlichen Bevölkerung war dann sogar noch schlechter als erwartet. Bei den meisten Patienten waren fast alle Zähne behandlungsbedürftig. Wir extrahierten am laufenden Band und prothetische Versorgung gab es keine. Trotz langer Wartezeiten, teils belastender Behandlungen und einiger Kommunikationsprobleme begegneten uns unsere Patienten jedoch mit einer überwältigenden Offenheit und Dankbarkeit. All das machte unsere anstrengende Arbeit zu einem wahren Vergnügen. Unser Dolmetscher John und zwei andere Stadtbewohner entwickelten in den nächsten Tagen ein ausgeklügeltes Registrierungssystem für die Patienten und nahmen uns auch die Anamnese und Aufklärung zu einem großen Teil ab. An einigen Tagen kam sogar die Zahnärztin vorbei und behandelte mit uns einen Teil der wartenden Menschen. Obwohl wir 8 – 10 Stunden am Tag arbeiteten, konnten wir dem Bedarf nicht gerecht werden. Nach 4 Tagen Arbeit hatten wir etwa 100 Patienten behandelt und fast 250 Zähne extrahiert, doch auf Johns Liste standen fast 300 Personen, die um zahnärztliche Behandlung gebeten hatten. Gerade deshalb war es umso schöner, dass ein Teil unserer Arbeit auch in der Aufklärung über Mundgesundheit bestand. So besuchten wir vor unserer Abreise noch eine öffentliche Schule, um den Schülern das Zähneputzen näher zu bringen und etwa 500 Zahnbürsten und Zahnpasta zu verteilen. Anschließend mussten wir uns auch schon schweren Herzens von dem sympathischen Örtchen und seinen Bewohnern verabschieden.

Als nächste Station stand die französische Schule „La Maison d'Aïna“ in der Nähe der Kleinstadt Ambatolampy auf unserem Plan. Hier stieß auch die Zahnärztin Dr. Katja Pfeiffer zu uns und komplettierte damit unser Team. Die rund 100 Kinder im Alter von 4 – 17 Jahren bereiteten uns einen herzlichen Empfang und zeigten sich bei der Behandlung als außerordentlich tapfer. Bei unseren jungen Patienten standen dann auch hauptsächlich zahnerhaltende und prophylaktische  Behandlungsmaßnahmen im Vordergrund. Es wurden fleißig Zähne gefüllt und das Zähneputzen geübt. Nachdem alle Schüler behandelt worden waren, konnten wir uns auch noch um einige Angestellte und Eltern kümmern. Hier begegnete uns auch eine Frau die nach einer Zahnextraktion durch einen örtlichen „Zahnarzt“ mit einer breit eröffneten und infizierten Kieferhöhle zu kämpfen hatte. Dr. Oxana Hilfer gelang es in einer zweistündigen Operation den Defekt zu decken und wir konnten die Frau mit einem Antibiotikum versorgen. Die nette Dame schien den Ernst ihrer Lage erfasst zu haben und bedankte sich überschwänglich. Als sie am nächsten Tag zur Kontrolle kam, hatte sie uns ein Geschenk mitgebracht – zwei (lebende) Meerschweine. Zu unser aller Bedauern konnten wir die kleinen Nager nicht mit uns auf den Rest unserer Reise nehmen, aber Mafy, unsere tatkräftige Dolmetscherin, nahm sich ihrer an. Da wir an diesem idyllischen Ort in Madagaskars malerischem Hochland so liebevoll umsorgt worden waren und wir die kleinen Schüler in unsere Herzen geschlossen hatten, fiel uns der Abschied nach einer Woche ziemlich schwer.

Doch auch unsere letzte Station sollte uns in guter Erinnerung bleiben. Wir besuchten „Soltec“, eine Ausbildungsstätte für benachteiligte Jugendliche in Ivato in der Nähe der Hauptstadt. Seit fast 30 Jahren bietet der Deutsch-Madagassische Verein Esslingen e. V. Jugendlichen aus armen Verhältnissen hier unentgeltliche Ausbildungsmöglichkeiten und damit eine Zukunftsperspektive. Die Jugendlichen werden in Holz-, Metall- und Kfz-Werkstätten, im Bereich Sanitär und Gastronomie ausgebildet oder erlernen das Handwerk der Schneiderei und Weberei. Einige Schüler haben sogar die Möglichkeit im eingegliederten Internat zu wohnen. Was Inge Hekler und ihre Mitstreiter hier über Jahre auf die Beine gestellt haben, ist wirklich bewundernswert. Aufgrund des schlecht funktionierenden Gesundheitssystems unterhält Soltec außerdem eine kleine Arztpraxis auf dem Gelände. Eine flächendeckende zahnmedizinische Versorgung ist jedoch auch hier schwierig, sodass bei den meisten Jugendlichen ein großer Behandlungsbedarf bestand. Besonders bedauernswert waren Fälle, in denen beispielsweise jungen Frauen mit einer Ausbildungsstelle im Servicebereich die Frontzähne extrahiert werden mussten. Zum Glück übernimmt Soltec in solchen Fällen die Organisation und Kosten für eine Weiterbehandlung.

Als nach drei Wochen unser Einsatz zu Ende geht, ist der Bedarf an zahnmedizinischer Versorgung vor Ort lange nicht gedeckt, doch wir hoffen, wir konnten wenigstens für unsere Patienten einen wichtigen Beitrag zur Erhöhung ihrer Lebensqualität leisten.

Natürlich ließen wir es uns nicht nehmen nach unserer Arbeit noch ein wenig das Land zu bereisen. Madagaskar bezaubert mit einer unglaublich vielfältigen Flora und Fauna und atemberaubenden Landschaften. Doch was unsere gesamte Reise so besonders gemacht hat, sind vor allem die Menschen, die trotz teils erschreckender Armut unglaublich fröhlicher und offener Natur sind.

Für die meisten von uns wird es sicher nicht die letzte Reise auf die rote Insel gewesen sein. Wir bedanken uns bei Allen, die unseren Einsatz unterstützt haben und hoffen, dass bald der nächste Planet Action Einsatz Richtung Madagaskar starten kann.

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