Bericht

Im Laufe unserer zahnmedizinischen Ausbildung gab es die eine oder andere Informationsveranstaltung über diverse Auslandfamulaturen. Dort berichteten Studenten und Ärzte über ihre abenteuerlichen Reisen und Erfahrungen mit zahnmedizinischer Hilfe in Dritte-Welt-Länder. Unser Interesse war geweckt.

Im März 2016 erreichte uns eine Rundmail der Lehrkoordinatorin Fr. Dr. Elke Wischmeyer, in der das Projekt Planet Action (damals noch nicht e.V.) vorgestellt wurde: es wurden Studenten und Zahnärzte gesucht, die im Namen der Organisation im Sommer 2016 ihre Arbeit weiter führen und einen ehrenamtlichen Einsatz starten wollten. Dies war der Startschuss für unsere Reise nach Madagaskar.

In einem ersten Treffen mit Anja Stengele und Nina Sickenberger sowie Dominik Biehler und Matthias Schmitt berichteten sie über ihren vergangenen Einsatz auf der viertgrößten Insel der Welt. So fand sich unsere Gruppe bestehend aus: Amelie Seidenspinner und Rebecca Herbstritt (9.Semester) als auch Jakob Ulrich und Georgi Doytchinov (8.Semester). Besonders reizvoll klang die Vorstellung die Reise auf eigene Faust zu gestalten und fern ab von den gewohnten Arbeitsbedingungen mit den einfachsten Mitteln zu behandeln. Wir erhofften uns einen einzigartigen und einmaligen Hilfseinsatz, der sich von Erzählungen der Infoveranstaltungen von höheren Semestern unterschied.

Nun begannen die Vorbereitungen; es gab einiges zu organisieren: Hauptaugenmerk lag auf der Suche nach Zahnärzten, die bereit waren ihre kostbaren Urlaubstage in einen zahnmedizinischen Hilfseinsatz zu stecken und uns zu betreuen. Wir schrieben zahlreiche Dentalfirmen an und baten um Sachspenden. Des Weiteren benötigten wir dringend finanzielle Mittel. Im Rahmen der organisatorischen Vorarbeiten entwickelte sich auch das Projekt Planet Action weiter und wurde zu einem eingetragenen gemeinnützigen Verein. Dies erleichterte uns die Spendenakquise, da wir nun Spendenquittungen ausstellen konnten. Auch wurde in der lokalen Presse und in zahnmedizinischen Fachzeitschriften auf uns aufmerksam gemacht. Das Team wurde schließlich durch die ehemaligen Studenten der Universität Würzburg und mittlerweile Zahnärzte Clemens Otto, der uns die erste Hälfte der Reise begleiten würde, sowie Dr. Thomas Stumpf, der die zweite Hälfte übernehmen wollte, vervollständigt. Wir legten unsere Reiseroute mit den Städten Antananarivo, Fianarantsoa und Fort Dauphin fest; orientiert am vergangenen Einsatz von Planet Action e.V. und nahmen Kontakt zu den lokalen Hilfsprojekten auf. Später wird sich herausstellen, dass Madagaskar seine eigenen Gesetze hat und Spontanität in puncto Planänderung hochgefragt ist.

Am 01.08.16 hob der Flieger endlich ab. Nach entspannten 14h Flug und zwei Umstiegen, hatten wir endlich madagassischen Boden unter den Füßen und wurden direkt vor die erste Herausforderung gestellt: von zehn aufgegebenen Koffern fehlten sechs! Auf uns warteten zwei Volunteers von Manda, die uns herzlich empfingen und uns zu unserer ersten Unterkunft brachten. Wir fuhren in der Abenddämmerung durch die Hauptstadt Antananarivo und waren geflasht: Armut weit und breit, uralte Autos, die sicherlich keiner Abgasnorm entsprachen und auch keine Sicherheitsgurte aufwiesen, Smog überall, Essensstände an den Straßenrändern gesäumt von spielenden Kinder, die spärlich bekleidet barfuß umherrannten; in Mülltonnen suchende Leute, Lagerfeuer, die vor der nächtlichen Kälte schützen sollten. Insgesamt war der erste Eindruck surreal und für den Moment realitätsfern. Unser kleiner Bus hielt nach einer Stunde Fahrt an der Straße an und wir liefen zu unserer ersten Station Manda.

Am nächsten Morgen begannen wir mit unseren Vorbereitungen. Auf einer abenteuerlichen Taxi Brousse Fahrt, in dem auf 12 Sitzen mindestens 20 Personen Platz finden, fuhren wir in die Stadt und statteten der Apotheke einen Besuch ab. Außerdem kauften wir in einem Haushaltsgeschäft einen Drucktopf für die Sterilisation, um einen bestmöglichen hygienischen Standard zu erzielen. ONG Manda ist ein Straßenkinderprojekt des Berliner Vereins „Zaza Faly e.V.“ und liegt im Stadtteil Tsiadana in Antananarivo nahe der Universität. Hier werden Kinder zwischen 4 und 14 Jahren von der Straße geholt und bekommen Schulunterricht, dem Alter entsprechend in Klassen eingeteilt, sowie warme Mahlzeiten und Zugang zu sanitären Einrichtungen. Zusätzlich verfügt die Einrichtung über ein Krankenzimmer und eine dort arbeitende Krankenschwester. Hier richteten wir unsere mobile Behandlungsstation ein. Wir behandelten auf rückenunfreundlichen Schulbänken im Stehen und bildeten Zweierteams bestehend aus den Studenten, sodass der Zahnarzt uns jederzeit bei Fragen zur Seite stand. Wir gingen von Klasse zu Klasse und zeigten den Kindern mit Hilfe eines großen Zahnputzmodells wie man richtig Zähne putzt. Dies konnten sie im Anschluss direkt unter unserer Aufsicht üben. Außerdem verteilten wir Zahnbürsten und -pasten. Wir screenten die Kinder und behandelten sie schließlich. Wo wir konnten, machten wir Füllungen mit Glasionomerzementen, bei stark zerstörten Zähnen blieb leider nur die Extraktion. Bei den jüngeren Kindern war unsere Geduld gefragt, sowie die Dolmetscherqualitäten von Tiavn’R., einer Mitarbeiterin von Manda. Sie sprach perfekt Deutsch, was uns die Arbeit um einiges erleichterte. Trotzdem floss die ein oder andere Träne und einige Kinder hatten auch solche Angst, dass sie die Behandlung komplett verweigerten. Auch Komplikationen wie MAVs blieben uns nicht erspart. Hier durfte der Zahnarzt sein Können unter Beweis stellen und diese decken. Je länger wir behandelten, desto weniger ließen wir uns aus der Ruhe bringen und zogen einen Zahn nach dem anderen. Viel zu schnell war leider der Zeitpunkt gekommen, an dem wir uns von den süßen Kindern verabschieden mussten und zur nächsten Station aufbrachen.

Wir fuhren mit einem Mini Bus zehn Stunden in das 411km entfernte Fianarantsoa. Die Straße war die meiste Zeit geteert, jedoch mit riesigen Schlaglöchern in regelmäßigen Abständen. Für die letzten 60 km brauchten wir zwei Stunden, da hier die Straße nur noch aus festgefahrenem hügeligem Lehm bestand. Bereits im Dunkeln wurden wir herzlich von den Mitarbeitern von Ambalakilonga in Fianarantsoa empfangen. „Ambalakilonga“, das ins Deutsche mit „Stadt der Jungs“ übersetzt werden kann, ist eine von Italienern geführte Organisation, die Jugendliche von der Straße holt, um ihnen eine Ausbildung oder ein Studium zu ermöglichen. Die Jungs haben dort außerdem die Möglichkeit, warme Mahlzeiten, Zugang zu fließendem Wasser und sanitären Anlagen zu bekommen, gemeinsam zu spielen oder auch dort zu wohnen. Wir durften ebenfalls eine Wohnung zu fünft im Volunteer Haus beziehen. Der Hauptverantwortliche der Organisation Rosario Volpi hatte für uns zur Begrüßung Pasta alla Siciliana gekocht. Eine willkommene Abwechslung zum Reis, den wir in Tana jeden Tag mittags und abends gegessen hatten. Auch hier hatten wir bald einen geregelten Tagesablauf entwickelt. Wir richteten unser Lager im dortigen Krankenzimmer ein. Clemens Otto, unser Zahnarzt, betreute uns in Fiana noch in der ersten Woche, dann musste er wieder nach Hause fliegen. Er wurde von Dr. Thomas Stumpf abgelöst, der uns die restliche Zeit helfend zur Seite stand. Zuerst screenten und behandelten wir die dreißig Waisenjungs, die in Ambalakilonga ein neues Zuhause gefunden haben. Von Deutschland aus organisierten wir zusammen mit Christina Caruso, Rosarios rechter Hand, einen Aushang, der den in der Umgebung wohnenden Leuten unser Kommen und die damit kostenfreie zahnärztliche Hilfe ankündigte. Dieses Angebot wurde dankend angenommen und eine Liste mit Patientennamen füllte sich schnell. Der große Ansturm ist damit zu erklären, dass ein Zahnarztbesuch hier sehr teuer und somit nur den wenigen wohlhabenden Madagassen vorenthalten ist. Wir stellten fest, dass die Jungs in Ambalakilonga wesentlich bessere Mundhygiene und -gesundheit hatten, welche sicherlich auch auf den Zugang zu fließend sauberem Wasser und Sanitäreinrichtungen zurückzuführen ist. Immerhin morgens konnten wir die Jungs beim Zähneputzen beobachten. Bei einer Prophylaxe Demonstration, die wir im familiären Kreis bei den allabendlichen Treffen in ihrer Kapelle abhielten, konnten wir bestehende Lücken im Wissen über Mundhygiene und Prophylaxe schließen, wie zum Beispiel die Dringlichkeit die Zähne auch abends vor dem zu Bett gehen zu putzen. Daher mussten wir nur wenige Extraktionen vornehmen und konnten viele kariöse Zähne durch Füllungen erhalten. Bei den „Village people“ hingegen wurde uns schnell klar, dass hier nur sehr selten Zähne durch Füllungen zu erhalten waren. Deutlich häufiger griffen wir zur Extraktionszange. Die desolaten Gebisszustände ließen vermuten, welch große Schmerzen die Menschen durchlaufen hatten. Über Wurzelreste bis hin zu stark zerstörten Zähnen mussten unseren Zangen weichen. Nicht selten hatten die Patienten Fisteln, Granulome, Zysten und Abszesse. Interessante Anomalien, die man bis jetzt nur auf Bildern in Vorlesungen gesehen hatte, hatten wir hier direkt vor Augen, wie zum Beispiel revolverartige Bissstellungen, Wurzelbesonderheiten, wie einen dreiwurzligen Oberkiefer Prämolar (5er) oder Unterkiefer Molar (6er), Zahnstein, nicht nur an der Unterkiefer Front, sondern auch auf der Vestibulär- und Okklusalfläche der Oberkiefer Molaren. Um die Sprachbarriere zu überwinden, standen uns die Volunteers von Ambalakilonga zur Seite und übersetzten von Englisch ins Madagassische. Wir brachten uns in den Tagesablauf der Jungs mit ein und aßen gemeinsam zu Mittag und besuchten auch die allabendlichen stattfindenden Meetings. Hier wurde zusammen gesungen und gebetet und die Jungs konnten eventuelle Probleme und Sorgen in der Gruppe oder auch unter vier Augen mit Rosario ansprechen. Uns beeindruckte mit welcher Hingabe mit den Jungs gearbeitet wurde und dadurch eine familiäre Atmosphäre geschaffen wurde. Deshalb entschlossen wir uns dazu unsere restlichen Spenden dem Projekt Ambalakilonga zukommen zu lassen.

Die geplante dritte Station Fort Dauphin mussten wir leider absagen, weil die eigentliche Straße aus Sicherheitsgründen nicht befahren werden konnte und die alternative Route drei Tage Fahrt in Anspruch genommen hätte. Wir entschieden uns die Zeit dafür zu nutzen in Fianarantsoa weiterhin Gutes zu tun. Arbeit gab es genug: die Leute warteten ab 5.00 Uhr morgens vor den Toren. An freien Tagen ließen wir es uns aber nicht nehmen das Land zu erkunden. Wir besuchten die Nationalparks Andasibe, Ranomafana und Isalo. Hier bewunderten wir die endemische Flora und Fauna, besonders die Lemuren hatten es uns angetan, wie z.B. der Goodman Mouse Maki, ein mausgroßer Lemur. Auch konnten wir einige Tage an der Westküste in Mahajanga den indischen Ozean und die Sonne Madagaskars genießen.

Dankbar für die außergewöhnlichen Erfahrungen und Erlebnisse, die wir auf der Insel gesammelt haben, freuten wir uns wieder auf unser Zuhause.

Danke an Planet Action e.V.!
Veloma!!!!

Amelie Seidenspinner, Rebecca Herbstritt, Jakob Ulrich, Georgi Doytchinov, Clemens Otto und Dr. Thomas Stumpf

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